Nach diesem großen
Erfolg wurde gefeiert, leider etwas zu heftig, denn das folgende Endspiel
wurde trotz Überlegenheit verloren und die Deutsche Meisterschaft
wurde durch eine unnötige Niederlage gegen Leverkusen (1-2) auch
noch verschenkt.
Finale
Nottingham Forrest - HSV
28.05.1980 in Madrid vor 50 000 Zuschauern:
Die
unheimliche HSV-Reise zwischen Himmel und Hölle
Es war Nacht über Madrid. Eine heitere, vorsommerliche Nacht in der
spanischen Metropole. HSV-Trainer Branko Zebec saß in der Hotel-Halle
des "Monte Real", einer Nobelherberge, in der auch Real Madrid zu residieren
pflegt. Über die schmalen Lippen des Branko Zebec kam ein Satz, der
den ganzen Schmerz des HSV in dieser Mai-Nacht 1980 zusammenfaßte:
"Jede Niederlage tut weh", stieß Zebec aus. "Aber es gibt Niederlagen,
die töten dich."
Der HSV war am-28. Mai im Bernabeu-Stadion von Madrid den "Heldentod"
gestorben. 0:1 ging das Finale um den Europapokal der Meister gegen Nottingham
Forest verloren. Ehrenvoll, mit fliegenden Fahnen, fast ein bißchen
tragisch war diese Niederlage. Aber Branko Zebec hat in jener Nacht mehr
gelitten, als alle anderen Verlierer. Weil er innerhalb von fünf Wochen
den tiefen Fall eines Super-Teams miterleben mußte. Weil zwischen
Himmel und Hölle im Fußball manchmal nur der Stiefel eines Gegners,
die Politik des Präsidenten, der Hochmut der Spieler oder ein paar
Grashalme liegen.
23. April 1980: Der siebte Himmel über dem Volksparkstadion ist viel
zu klein für den Jubel, der da zwischen den vier Flutlichtmasten in
Hamburg-Bahrenfeld entfacht wird. Mit einem 5:1-Sieg über den königlichen
Klub Real Madrid zieht der HSV ins Finale ein. Die Zürcher Zeitung
"Sport" erscheint mit der Schlagzeile: "Besser kann man Fußball
kaum spielen", und in ganz Europa verneigt man sich vor einem HSV,
der ein neues Kapitel für die Chronik der Sternstunden des Fußballs
geschrieben hatte. Aber der Alltag in diesem Geschäft ist grau. So
grau wie die Betonbrücke am Leverkusener Kreuz ist, wo die Autobahn
nur ein paar Meter am Ulrich-Haberland-Stadion vorbeiführt. Dort mußte
der HSV am 24. Mai, vier Tage vor dem Europapokal-Finale, zu einem "Pflichttermin"
in Sachen Deutsche Meisterschaft antreten. Dem vorletzten Gang im Namen
der programmierten Titelverteidigung. Aber die Pillen, die die Pharma-Betriebsmannschaft
von Bayer Leverkusen verabreichten, bedeuteten das Ende einer Ära und
stellten die Weichen Richtung Endstation Zweiter: Der HSV verlor in Leverkusen
nicht nur 1:2, sondern auch die Meisterschaft an Bayern München und
Horst Hrubesch mit einer schweren Verletzung. Diese Donnerschläge aus
dem Reich der Fußball-Hölle wurden am Tag des Abfluges zum Finale
nach Madrid von einem Blitz aus heiterem Himmel noch untermalt: Präsident
Dr. Wolfgang Klein und Manager Günter Netzer baten zur Pressekonferenz,
um die Verflichtung von Franz Beckenauer zu verkünden. Als wenn der
HSV in jenen Stunden keine anderen Sorgen gehabt hätte.
Beckenbauer also statt Nottingham Forest als Diskussionsstoff in Spielerkreisen.
Libero Buljan: "Ich weiß, daß einige Spieler gegen die Verpflichtung
von Beckenbauer sind." Alle diskutierten - und einer quälte sich:
Horst Hrubesch, der wundgetretene Bomber. Als er nach der Pause eingewechselt
wurde, hatte der Schotte John Robertson das Spiel schon zugunsten von Nottingham
entschieden. Den Schlußpunkt hinter alle Titel-Träume setzte
eine Nacht, in der die Verlierer sich selbst verloren. Branko Zebec wirft
die Spielerfrauen aus dem Mannschaftshotel, die Kaltz, Kargus und Co. ertränken
ihren Kummer und kümmern sich nicht um den Trainer, der sie ins Bett
schicken will. Zebec am anderen Morgen: "Mit Betrunkenen trainiere ich nicht!
" Felix Magath in der Nacht vor jenem Morgen:" Da spielen wir jahrelang
zusammen, aber erst am Tresen werden wir zu einer richtigen Mannschaft."
Zu einer Mannschaft allerdings, die in fünf Wochen alles verspielte,
was sie gewinnen konnte.
erschienen in der Hamburger Morgenpost am 19.05.1983