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Minuten vor dem Abpfiff erheben sich die Zuschauer im Frankfurter Waldstadion
von ihren Plätzen. 29 000 sind es, die sich mit Standing ovations vor
einem Mann verneigen: Thomas Doll.
Es ist der 13. April 1991,
die Fußballer des Hamburger SV siegen mit 6:0 im Bundesligaspiel
bei Eintracht Frankfurt. Und das, weil dieser Thomas Doll, Mittelfeldspieler
des HSV, 80 Minuten lang eine Weltklasseleistung geboten hat, ehe ihn
sein Trainer vorzeitig vom Platz nimmt. Er hat seinem Gegenspieler Roth,
ja mit der Eintracht Katz und Maus gespielt, "ganz Frankfurt"
vorgeführt. Er ist durch die gegnerischen Abwehrreihen gewirbelt
wie niemals zuvor und auch danach nicht wieder.
Doll hat an diesem Tag Fußball
gezaubert, als käme er von einem anderen Stern. Deutschlands Fans
lagen dem Nationalspieler zu Füßen, und das Ausland jagte ihn
fortan. "Thomas Doll ist ein Spieler, der wie kein anderer die Kunst
beherrscht, die Kunstlederkugel unter Kontrolle zu halten", schwärmte
damals HSV-Präsident Jürgen Hunke. Und Trainer Gerd-Volker Schock
urteilte über Doll: "Er ist ein Super-Typ, mit einem wie ihm
kann man Zuschauer gewinnen."
Einige Wochen später
- es kam, wie es kommen mußte - wechselte Thomas Doll nach nur einer
Saison den Verein, schloß sich für eine Ablöse von 15
Millionen Mark dem italienischen Erstliga-Klub Lazio Rom an. Als Mutter
Christa die Sorge äußerte, ihren Sohn über Monate nicht
zu sehen, tröstete Doll: "Mutti, dann kaufe ich euch Flugtickets,
und schon seid ihr in Rom."
Über Nacht hatte Hamburg
seine große sportliche Attraktion verloren. "Der Fußballer
Doll ist wie ein Kunstwerk, wie ein teures Gemälde", befand
Hunke. Dribbelkünstler und Publikumsliebling Doll hätte der
Nachfolger von Uwe Seeler werden können - jetzt war er mit einem
Schlag Millionär. Er gehörte plötzlich zu den Fußballgrößen
Europas, wurde mit internationalen Stars wie Ruud Gullit, Paolo Maldini,
Gary Lineker, Marco van Basten, Jean-Pierre Papin und Roberto Baggio auf
eine Stufe gestellt.
Was den Emporkömmling
aus Ostberlin aber von den meisten Stars dieser Welt damals schon unterschied
und bis heute unterscheidet: Doll blieb stets auf dem Boden der Realität.
Er ist noch immer der nette Junge von nebenan. Er blieb bescheiden, er
nahm nicht den kleinsten Hauch von Arroganz an, er ließ sich auch
von dem vielen Geld, seinem Geld, nicht verderben. "Dolli" hat
nie seine Herkunft verleugnet. Als kleiner Junge war er einst von seinem
Geburtsort Malchin nach Rostock gegangen, wo er für den FC Hansa
spielte. Und beim damaligen DDR-Dauermeister Dynamo in Berlin stürmte
Doll bis in die DDR-Nationalelf. Das alles klingt wie ein Märchen,
aber es war der Beginn einer Bilderbuch-Karriere.[...]
Thomas Doll - Stationen seines Lebens
9. April 1966 Thomas Doll wird in Malchin (Mecklenburg) geboren.
1972 beginnt er bei
Lokomotive Malchin mit dem Fußballspielen.
1979 wird er als
förderungswürdiges Talent des DDR-Sports auf die Kinder- und
Jugendsportschule Rostock geschickt. Zugleich wechselt er zum FC Hansa
Rostock. Er spielt fortan in verschiedenen Auswahlmannschaften der DDR.
1983 wird Doll aus
der Jugendnationalmannschaft ausgeschlossen, weil seine Familie "verbotene
Westkontakte" hatte und er nicht für die Stasi spitzeln wollte.
1986 wechselt er
zum BFC Dynamo Berlin, mit dem er 1987 und 1988 DDR-Meister wird. Ebenfalls
1986 gibt er sein Debüt in der DDR-Nationalmannschaft gegen Griechenland.
Insgesamt 29mal spielt er für die DDR und schießt acht Tore.
1990 wechselt er
zum Hamburger Sportverein.
1991 gibt er sein
Debüt in der (gesamt)deutschen Nationalmannschaft, für die er
bis 1993 insgesamt 18mal aufgestellt wird und acht Tore schießt.
Ebenfalls 1991 unterschreibt er einen Dreijahresvertrag beim italienischen
Erstligaklub Lazio Rom. Die Transfersumme beträgt 15 Millionen D-Mark.
Gleich im ersten Jahr wird er von den italienischen Trainern zum besten
ausländischen Spieler gewählt.
1992 wird Doll Vize-Europameister
mit der deutschen Nationalmannschaft.
1994 wechselt er
auf Leihbasis zu Eintracht Frankfurt.
1996 Rückkehr
nach Italien zum Zweitligaklub AS Bari, mit dem er 1997 in die Erste Liga
aufsteigt.
1998 wechselt er
wieder zum Hamburger SV, ist allerdings wegen eines Dopingverdachts zunächst
gesperrt, wird dann aber von dem Vorwurf freigesprochen.
2001 beendet Thomas
Doll seine Profilaufbahn und wird Trainer der A-Jugend beim HSV.
2003 wird er Chef-Nachwuchs-Trainer
des HSV.
Thomas Doll ist in zweiter
Ehe mit der Italienerin Roberta verheiratet und hat zwei Töchter,
eine aus erster Ehe. Seine Hobbys sind Golf, Tennis, Schach und Lesen.
erschienen im Hamburger Abendblatt 18.10.2004
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